Testung

Bei Verdacht auf eine Legasthenie oder Dyskalkulie führe ich mit den Eltern zunächst ein ausführliches Anamnesegespräch. Da es ganz wichtig ist, hier die Probleme des Kindes offen anzusprechen, findet dieses Gespräch in der Regel ohne das Kind statt, um es nicht noch mehr zu belasten und zu frustrieren.

Da bei Legasthenie und Dyskalkulie eine oder mehrere Sinneswahrnehmungen (aus dem optischen, dem akustischen und/oder dem Raum – Lage – Bereich) beeinträchtigt sind, teste ich das Kind zunächst mit dem pädagogischen AFS – Computertestverfahren. Dieser Test dauert ca. 60 – 70 Minuten und gibt Aufschluss darüber, welche Sinneswahrnehmungen des Kindes besonderer Förderung bedürfen.

Zusätzlich wende ich je nach Bedarf Rechtschreib-, Lese- und Rechentests an, um den derzeitigen Stand des Kindes zu ermitteln und es beim Training schließlich dort abzuholen zu können, wo es steht. Bei Verdacht auf eine Legasthenie führe ich außerdem eine ausführliche Fehleranalyse durch.

Liegen die Testergebnisse vor, so bespreche ich sie detailliert mit den Eltern und dem betreffenden Kind. Außerdem fertige ich ein pädagogisches Gutachten an, das den Eltern, z.B. zur Vorlage in der Schule, ausgehändigt wird. Gemeinsam besprechen wir dann das weitere Vorgehen.

In manchen Fällen hat sich bereits eine so genannte „Sekundärlegasthenie, bzw. –dyskalkulie“ ausgebildet. Das bedeutet, dass das Kind durch die ständige Frustration und Überforderung in der Schule Symptome zeigt, die auf eine körperliche oder psychische Erkrankung hindeuten. In diesem Fall werden weitere Spezialisten, wie Ärzte oder Psychologen, zu Rate gezogen.

 

Training

Das Legasthenie- und Dyskalkulietraining findet einmal wöchentlich statt und zwar ausschließlich als Einzeltraining. Dies ist wichtig, denn jedes Kind hat seine ganz eigene Legasthenie, bzw. Dyskalkulie, außerdem ist das Lerntempo bei jedem Kind unterschiedlich.

Das Training wird individuell auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmt. Wichtig ist, dass das Kind sich wohl fühlt – nur so ist es möglich, eine gute Lernatmosphäre zu schaffen und das Kind das Lernen langfristig wieder als etwas Positives erleben zu lassen.

Das Training basiert auf der AFS-Methode nach Frau Dr. Kopp-Duller. Das „A“ steht für „Aufmerksamkeit“, das „F“ für „Funktion“ und das „S“ für „Symptom“.

Die Stunde beginnt grundsätzlich mit dem Training der Aufmerksamkeit. Legasthene und dyskalkule Kinder haben in den meisten Fällen das Problem, dass ihre Aufmerksamkeit beim Arbeiten mit Symbolen, also Buchstaben und Zahlen, beeinträchtigt ist. Dies kann sogar so weit führen, dass sie zu Unrecht den Stempel ADHS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit Hyperaktivität) aufgedrückt bekommen. Doch im Unterschied zu Kindern mit ADHS tritt die Unaufmerksamkeit bei legasthenen und dyskalkulen Kindern nur beim Arbeiten mit Buchstaben und Zahlen auf, bei anderen Tätigkeiten wie z.B. beim Bauen oder Malen sind sie meist konzentriert und ausdauernd.

Das Aufmerksamkeitstraining wird individuell auf das Kind abgestimmt. Was immer dem Kind hilft, kommt zum Einsatz.

Die achtjährige Pauline findet am besten bei Traumreisen zur Ruhe. Sie ist danach viel weniger zappelig und kann sich gut auf die Arbeit einlassen. Sie übt gerade, auch in der Schule kurz zu ihrer „Trauminsel“ zu gelangen, wenn sie merkt, dass sie unaufmerksam wird.

Manuel, 10 Jahre, liebt den „Balanceclown“. Hier versucht er eine oder auch zwei Kugeln gleichzeitig die Bahnen entlang rollen zu lassen, ohne dass sie herunterfallen. Das war am Anfang sehr schwierig für ihn, doch jetzt hat er die Kugeln schon ganz toll unter Kontrolle.

Die 16-jährige Julia schafft es inzwischen, einen von ihr gewählten Gegenstand in Gedanken hinaufzubeschwören, wann immer sie das möchte. Dies hilft ihr z.B. vor schriftlichen Arbeiten, ihre Gedanken zu sammeln und bei der Sache zu halten.

Nach dem Aufmerksamkeitstraining folgt das Training der Funktionen, also der Sinneswahrnehmungen. Je nachdem, welche Bereiche betroffen sind, werden ganz gezielte Übungen durchgeführt. Hat ein Kind z.B. Probleme im Bereich der Optischen Differenzierung (das ist die Fähigkeit, Gesehenes unterscheiden zu können. Bei legasthenen Kindern können Probleme in diesem Bereich z.B. dazu führen, dass sie ähnlich aussehende Buchstaben wie „b“ und „d“ verwechseln), dann wird speziell dieser Bereich geschult. Dies kann durch Arbeitsblätter geschehen, durch Spiele – auf jeden Fall abwechslungsreich und mit Spaß. Welche der Sinneswahrnehmungen betroffen sind, welche Auswirkungen das hat und was man tun kann, um sie zu stärken, erkläre ich den Eltern selbstverständlich ganz ausführlich.

Der dritte Teil des Trainings ist das Symptomtraining, also das Rechtschreib- und Lese-, bzw. Rechentraining. Das Training der Aufmerksamkeit und das Funktionstraining sind äußerst wichtig – doch niemand kann das Lesen, Schreiben und Rechnen lernen ohne eben zu lesen, zu schreiben und zu rechnen!

Allerdings unterscheidet sich das Rechtschreib-, Lese- und Rechentraining sehr von der üblichen Nachhilfe. Es ist bei legasthenen Kindern z.B. nicht damit getan, immer wieder Wörter zu diktieren, in der Hoffnung, dass diese dann irgendwann einmal richtig geschrieben werden. Alle Kinder lernen am besten, wenn sie alle Sinne einsetzen können – dies gilt für legasthene und dyskalkule Menschen jedoch im besonderen Maße. Ein wichtiger Teil des Symptomtrainings ist daher die Worterarbeitung. Ein Fehlerwort wird nicht ständig neu geschrieben, sondern wirklich „erarbeitet“:

Das Wortbild muss sich einprägen – warum ein Wort also nicht einmal kneten? Oder in den Sand malen? Oder mit Sprühsahne sprühen? Aus Pfeifenreinigern formen, stempeln…oder, oder, oder.  Durch das Selbermachen, das Berühren, das „Be – Greifen“ kann das Kind sich das Wortbild viel besser merken.

Die Wortbedeutung wird geklärt – versteht das Kind, was das Wort bedeutet? Welche Wörter gehören noch zur Wortfamilie?

Das Kind muss den Wortklang und das Wortbild in Beziehung setzen können – also, wie klingt das Wort? Wie klingt es, wenn man es flüstert? Und wenn man es ganz laut ruft? Und kann man das Wort lachen? Oder weinen? Oder gar bellen?

Und immer wird der Unterricht auf die speziellen Bedürfnisse des Kindes ausgerichtet.

Kevin kann lange und kurze Vokale nicht unterscheiden. Da hilft ihm z.B. die Regel „Verdoppelung eines Konsonanten nach kurzem Vokal“ wenig. Kevin lernt jetzt ganz intensiv, die Wörter in ihre Silben zu zerlegen. Das „Silbenhüpfen“ macht ihm Spaß, und er hört nun schon ganz oft, wann ein Konsonant verdoppelt werden muss.   

In jeder Stunde gibt es viel Arbeit, aber auch viel Spaß, Erfolgserlebnisse und Lob.

Reicht es denn, nur einmal in der Woche zu üben?

Nein, leider nicht. Es ist ganz wichtig, das Gelernte bis zur nächsten Woche zu Hause zu vertiefen. Die tägliche Übungszeit sollte 15 – 20 Minuten betragen – nicht mehr, aber möglichst auch nicht weniger.

Nach jeder Trainingsstunde bekommt das Kind die wöchentlichen Übungen mit nach Hause. Dies sind in der Regel Arbeitsblätter, es kann aber z.B. auch mal ein Spiel sein. Auf jeden Fall soll nicht stur „gepaukt“ werden, das Bearbeiten der Arbeitsblätter macht (meistens) Spaß – oft sind Aufgaben wie Rätsel oder Geheimschriften zu lösen, das Lernen passiert da fast „nebenbei“.

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© Nicole Fischer
Hier können Sie mehr erfahren über die ersten Schritte, die im Rahmen einer Testung erfolgen, sowie das daran anschließende regelmäßige Training.